Film- und Buchbesprechung: Der Junge im gestreiften Pyjama

4 Jul

Für die Zeit zwischen Notenschluss und Zeugnisvergabe müssen Schulen etwas bieten, um die SchülerInnen weiterhin zu fordern und die Unterrichtszeit sinnvoll zu nutzen. Da politische Bildung als Unterrichtsprinzip die Aufgabe jedes Fachs ist, wird an unserer Schule in dieser Zeit ein Projekttag zu verschiedenen politischen Themen durchgeführt – der Tag der politischen Bildung. Mit einer Kollegin gemeinsam haben wir in diesem Zusammenhang in einer Klasse mit 13 bis 15 jährigen das Thema Nationalsozialismus vor dem Hintergrund des Umgangs miteinander und der Erziehung zu selbstbewusst kritischem Denken besprochen. Die Grundlage für unser Vorhaben bildete die Geschichte von John Boyne – “Der Junge im gestreiften Pyjama”.

In diesem Artikel beschreibe ich unser Vorhaben und wie wir mit der Klasse an die Themen kindliche Unschuld, Abgrenzung und Propaganda in der Geschichte “Der Junge im gestreiften Pyjama” herangegangen sind. Der Artikel gliedert sich in:

Unser Vorhaben zur Thematisierung von Nationalsozialismus wurde von dem Film “Der Junge im gestreiften Pyjama” gestützt, es werden sich in den folgenden Ausführungen aber sehr wohl auch Anregungen für die Arbeit mit John Boynes Buch finden lassen. Der Hauptteil – die stille und anschließend nicht stille Diskussion – ließe sich exakt so bei einer Buchbesprechung durchführen.


Beschreibung des Unterrichtsvorhabens

Gliederung

  1. Einstieg und erster Teil des Films
  2. Stille Diskussion (mit Impuls-Plakaten)
  3. Nicht stille Diskussion
  4. Neuer Filmausschnitt: Ende von “Der Junge im gestreiften Pyjama” oder mögliche Alternativen


Zu 1. Einstieg und erster Teil des Films

Als Einstieg in den Vormittag haben wir unseren SchülerInnen zunächst einen Ausblick gegeben, was sie in den nächsten Stunden erwarten wird. Anschließend, um sie bezüglich des Themas im Film vorzuaktivieren, haben wir an der Tafel per Meldekette ein Cluster mit dem zentralen Begriff “Zäune” entwickelt. Da unsere Klasse wusste, dass wir Nationalsozialismus thematisieren würden, kamen in diesem Cluster bereits einige entsprechende Begriffe vor, von denen wir anschließend ein paar besprechen konnten. Nach dieser Einführung haben wir den Film “Der Junge im gestreiften Pyjama” begonnen. Der Film wird nach ziemlich genau 1Std. und 8Min gestoppt. An dieser Stelle sind Bruno und Schmul gerade mit dem Dame Spiel beschäftigt und es herrscht eine relativ gute und rührende Stimmung. Alle Themen, die im Folgenden mit der Klasse erarbeitet werden sollten sind bereits im Film angesprochen worden.


Zu 2. Stille Diskussion

Stille Diskussion ist eine methode für den Gedankenaustausch zwischen SchülerInnen, ohne dass diese dabei reden. Den Anstoß für die Diskussion gibt ein Impuls, der z.B. auf einem Plakat oder auf einer Folie für die SchülerInnen bereit gestellt wird. Für unser Vorhaben, haben wir Poster vorbereitet, die sich mit jeweils einem von den drei Themen kindliche Unschuld, Propaganda, und Abgrenzung befassten.

Im folgenden Bild findet ihr ein Beispiel Layout eines solchen Plakates. Darunter befindet sich ein Download Link für eine pdf Datei mit allen drei Impulsen für die drei Themen.

chalkboard impulsplakat jungeimpyjama 300x205 Film  und Buchbesprechung: Der Junge im gestreiften Pyjama

Material: Der Junge im gestreiften Pyjama – Impulse für die stille Diskussion

Das Layout der Poster bedarf ein wenig mehr Erklärung. Der rechte Teil, der durch eine Linie vom Rest abgetrennt ist, wird in der Vorbereitung der Poster mit 2 DIN A4 Blättern abgedeckt (mit kleinen Klebestreifen fixiert) um die Aufmerksamkeit der SchülerInnen auf die Fläche für die stille Diskussion zu lenken. Die natürliche Neugier lässt zwar fast alle SchülerInnen kurz unter die Blätter schauen um herauszufinden was dort steht, aber nach diesem kurzen Moment in dem der Forscherdrang überwiegt können sich die Gruppen gänzlich auf die eigentliche Aufgabe konzentrieren während der rechte Teil der Poster für eine später relevante Unterrichtsphase bereit steht.

Die Aufgabe der SchülerInnen während der stillen Diskussion ist es ihre Eindrücke aus dem Film mit dem Impuls auf dem Plakat zu verknüpfen und auf dem Plakat schriftlich dazu Stellung zu nehmen. Des Weiteren sollen sie ihre Kommentare untereinander schriftlich diskutieren.

Der Anfang dieser Unterrichtsphase ist etwas kritisch, da es einen Moment dauert bis die ersten SchülerInnen anfangen zu schreiben und gleichzeitig die “nicht-rede-Phase” eingeleitet werden muss. Damit dies gelingt muss die methode detailliert erklärt werden bevor die Plakate ausgeteilt werden. Anschließend sollte die Lehrperson ein gewisses Maß an Geduld mitbringen und vereinzelt aber möglichst individuell in ruhigem Ton zum Schweigen auffordern.

Ist der Arbeitsprozess erstmal angelaufen kann man beobachten wie zum Teil ertaunliche Ergebnisse zustande kommen. Nun ist je nach Unterrichtsideologie und Situation noch einiges mehr möglich. Wir haben bei uns zum Beispiel nach einer Weile die erste stille Diskussion unterbrochen und die Gruppen gegen den Uhrzeigersinn zu einem Plakat mit einem neuen Thema und damit auch einem neuen Impuls wechseln lassen. In der darauf folgenden zweiten stillen Diskussion sollten die Gruppen die Kommentare auf dem neuen Poster lesen und zu dem neuen Thema und den bereits dort stehenden Kommentaren weitere Ergänzungen machen bzw. Stellung nehmen. Wir haben hier mit verschiedenen Stiftfarben gearbeitet, um die Kommentare der Gruppen farblich voneinander abzugrenzen.


Zu 3. Nicht stille Diskussion

Der nächste Schritt unseres Unterrichtsvorhabens ist relativ geradlinig. Die Gruppen gehen zu ihrem eigenen Plakat zurück und haben kurz Zeit die dazu gekommenen Kommentare zu lesen und einzuordnen. Anschließend werden die Plakate der Reihe nach geordnet nach den Themen in einem von der Lehrperson moderierten Unterrichtsgespräch diskutiert. Für dieses Unterrichtsgespräch haben wir die Struktur gewählt, dass zunächst der Impuls vorgelesen wurde, anschließend eine der Gruppen den Kommentar bzw. die Reihe von Kommentaren, die sie für besonders wichtig hielten, vorgelesen haben, dann die andere(n) Gruppen mit dem selben Impuls die Gelegenheit hatten dazu Stellung zu nehmen und anschließend mit der gesamten Klasse diskutiert wurde.

Es ist sicher auch möglich an dieser Stelle noch mehr schüleraktive Methodik zum Beispiel in Form einer Fishbowl Diskussion einzubauen. Falls sich jemand dazu entschließt würde ich mich sehr darüber freuen in den Kommentaren zu hören wie es funktioniert hat.

Zum Abschluss der Diskussion innerhalb der Klasse kommt die rechte Seite der Plakate ins Spiel. Die SchülerInnen sollen die abdeckenden Blätter entfernen und die Frage lesen, die darunter steht. Als lenkenden Impuls für die Antwort auf die Fragen haben wir in der rechten oberen Ecke der Plakate das Zitat “Those who don’t learn from history, are doomed to repeat it.” von George Santayana plaziert.

Anschließend haben sie Zeit darüber nachzudenken und innerhalb ihrer Gruppe über die Frage zu sprechen. Sobald sie dazu bereit sind soll jeder für sich einen eigenen Satz als Antwort auf das Plakat schreiben. Die SchülerInnen, die möchten können dann ihre Antwort mit der Klasse teilen, was wir aber bei einer freiwilligen Basis belassen haben.


Zu 4. Neuer Filmausschnitt: Ende von “Der Junge im gestreiften Pyjama” oder mögliche Alternativen

Zum Abschluss des Vorhabens gibt es mehrere Möglichkeiten. “Der Junge im gestreiften Pyjama” ist noch nicht bis zum Ende geschaut worden, das heißt dass dies nun nach den vorangegangenen Diskussionen nachgeholt werden kann. In unserem Fall war der Wunsch der SchülerInnen nach diesem Vorgehen deutlich, weshalb wir uns dafür entschieden haben. Es war außerdem deutlich, dass das Ende des Films die SchülerInnen besonders beeindruckt hat. In Verbindung mit den Ergebnissen aus den Unterrichtsgesprächen gehe ich davon dass wir unser Ziel erreicht haben und sich nachhaltige Verknüpfungen in Bezug auf kritisches Denken und Eigenverantwortliches Handeln in den Köpfen unserer Kids gebildet haben.

Es gibt aber noch weitere Alternativen, das Vorhaben zu beenden, bzw. auch weiter auszubauen.

Zum einen haben wir mit dem Gedanken gespielt, einen Ausschnitt aus “Das Leben ist schön” zu zeigen. Dieser hätte begonnen, wo der Sohn das erste mal auftaucht und geendet, als der Vater beim Banquet die Chance wittert aus dem KZ zu fliehen. Mit diesem Ausschnitt hätten wir die kindliche Perspektive auf die grausamen Ereignisse im zweiten Weltkrieg weiter thematisiert. Zum anderen hatten wir die DVD “…” im Kopf, auf der eine Frau namens … über ihre Kindheit und Jugend redet, in der sie im KZ festgehalten und ihr Bruder hingerichtet worden ist. Mit dieser Variante wäre dem Thema etwas mehr Authentizität verliehen worden, was den SchülerInnen eventuell dabei hätte helfen können, die diskutierten Aspekte kindliche Unschuld, Propaganda und Abgrenzung in ihrer Bedeutung für sie persönlich realisitscher einzuschätzen.

Insgesamt ist die Erfahrung aus dem durchgeführten Unterrichtsvorhaben durchweg positiv. Der Film “Der Junge im gestreiften Pyjama” eignet sich hervorragend als Aufhänger, um die hier angeführten Aspekte des Nationalsozialismus zu besprechen.

Auf der nächsten Seite geht es mit dem tabellarischen Verlaufsplan und dem Download des Unterrichtsmaterials weiter.

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