Sinn und Unsinn des Sitzenbleibens

2 Jul

Es ist diese Jahreszeit in der in pädagogischen Einrichtungen gehäuft über Noten, Zeugnisse und eben die Wiederholung eines Schuljahres geredet wird. Aus diesem aktuellen Anlass möchte ich hier ein paar Worte über die Philosophie verlieren, die hinter Entscheidungen pro oder contra der Versetzung in die nächste Klasse stehen. Die Funktionen von Schule sind unter anderem Selektion und Integration. Bei der Entscheidung ob ein/e SchülerIn eine Klasse wiederholen soll treffen diese zwei Funktionen hin und wieder mit voller Wucht aufeinander.




Der Sinn des Sitzenbleibens

Warum gibt es eigentlich Sitzenbleiben? Die Wiederholung einer Klasse hängt immer mit schlechten Noten zusammen. Der offensichtlichste Grund für das Sitzenbleiben ist aus der Lernperspektive daher der, dass ein/e SchülerIn die Unterrichtsinhalte des Jahres nicht verinnerlicht hat und deshalb alle Inhalte noch einmal lernen soll – plump gesagt bzw. geschrieben. Die Selektionsfunktion von Schule ist hier in Form von (Un-)durchlässigkeit nach oben zu spüren.

Ein etwas differenzierterer Grund hängt mit der Entwicklung von SchülerInnen zusammen. So kann es zu der Situation kommen, dass ein/e SchülerIn entwicklungstechnisch nicht weit genug fortgeschritten ist um den Übergang in die nächste Klasse vertreten zu können.

Das Sitzenbleiben hat in jedem Fall einen gewaltigen Einfluss auf das soziale Umfeld des/r betreffenden SchülerIn. Es kann demnach sein, dass die Wiederholung einer Klasse in Verbindung mit schlechten Noten angeordnet wird um dem/r SchülerIn einen frischen Start in einer neuen Klassengemeinschaft zu ermöglichen. Hier kommt der Integrationsfunktion von Schule eine große Bedeutung zu.

Nicht zu hoffen, aber leider immer wieder Inhalt von Spekulationen rund um die Versetzung ist obendrein der Grund, dass Lehrpersonen versuchen SchülerInnen nach unten abzugeben, um sie im nächsten Jahr nicht mehr in der eigenen Klasse zu haben.


Der Unsinn des Sitzenbleibens

Schauen wir nun etwas kritischer auf die oben genannten Argumente pro Sitzenbleiben. Hier sollte einem schon etwas schwindelig werden, wenn man liest, dass alle Inhalte eines Schuljahres ein zweites Mal gelernt werden sollen, damit sie wirklich verinnerlicht sind. Logisch und sinnvoll ist dies jedenfalls in keinem Fall, solange es als einziger Grund für oder gegen die Versetzung spricht. Selektion passiert nämlich schon allein durch die Notengebung und ist nicht allein abhängig vom Sitzenbleiben. Beispielsweise würde ein/e schlechte/r SchülerIn in Mathe durch schlechte Noten bereits darauf hingewiesen, dass ein Mathestudium nicht das richtige ist. Die Wiederholung einer Klasse wäre dementsprechend schon ein Overkill bzw. der berühmte Wink mit dem Laternenmast statt dem Zaunpfahl. Fraglich, ob Sitzenbleiben aus dieser Perspektive dem pädagogischen Gedanken gerecht werden kann.

Der Entwicklungsstand eines/r SchülerIn spielt da schon eine weit größere Rolle. Hin und wieder gibt es Situationen in denen ein/e SchülerIn einfach mit der Klassengemeinschaft und dem Schulstoff überfordert ist, weil notwendige Entwicklungsprozesse noch nicht abgeschlossen sind. Allerdings ist auch hier immer noch Vorsicht geboten. Entwicklung erfolgt nicht geradlinig sondern viel mehr Wellenartig. So kann es sein, dass der/die eben noch spätentwickelte SchülerIn innerhalb des nächsten Jahres schon wieder auf dem Stand der Klassenkameraden oder gar weiter ist.

Sollte es obendrein ein/e SchülerIn sein, die fest in die Klassengemeinschaft integriert ist würde eine verwehrte Versetzung und die damit verbundene Wiederholung einer Klasse diese sozialen Kontakte jäh zerstören. Ob der Integrationsfunktion von Schule damit genüge getan wäre wage ich zu bezweifeln.

Leider, und das muss ich unterstreichen, da die Abstimmungen bei Notenkonferenzen mir bitterlich aufstoßen, habe ich hin und wieder doch dass Gefühl, dass an dem oben genannten Gerücht bzw. den Spekulationen rund um die Versetzung doch manchmal ein Funken Wahrheit ist. Ohne jemals einem einzelnen Kollegen irgend etwas unterstellen zu wollen muss ich trotzdem die Frage in den Raums stellen, ob es wirklich immer rein objektive Beweggründe sind, die den einzelnen dazu veranlassen seinen Arm zu heben wenn gegen die Versetzung eines/r SchülerIn gestimmt wird.

Zum Unsinn des Sitzenbleibens gibt es mittlerweile einige deutliche Berichte, die sowohl die pädagogischen als auch die wirtschaftlichen Aspekte von Klassenwiederholungen abdecken:

Durchfallen bringt nichts – Ein Bericht über die Wirkung des Sitzenbleibens

Warum tun wir das unseren Kindern an – Ein Artikel zum Stressfaktor Selektion bei der Schulwahl und beim Sitzenbleiben

Sitzenbleiben kostet… – Ein Artikel über die wirtschaftlichen Zusammenhänge des Sitzenbleibens


Die pädagogische Pflicht der Lehrpersonen

Die Entscheidung einem/r SchülerIn die Versetzung zu verwehren ist im Arbeitsleben einer Lehrperson neben dem gänzlichen Ausschluss aus der Schule wohl die schwerste. Zumindest sollte sie es sein, da sie mit die größte Auswirkung auf die Laufbahn des/r Schülers/in hat. In Notenkonferenzen ist der Lehrer somit nicht nur als objektiv beurteilender sondern auch als konstruktiv kritischer Pädagoge gefragt wenn das Sitzenbleiben einen Sinn haben soll. Der so genannte „Dienst nach Vorschrift“, also die reine Orientierung an den Endjahresnoten und den Vorgaben für die Wiederholung einer Klasse mag zwar einfach sein, ist aber keinesfalls professionell. Die Ausführungen in diesem Artikel lassen erahnen, dass ich dem Sitzenbleiben gegenüber grundsätzlich kritisch eingestellt bin. Ich bin aber nicht gänzlich dagegen. Es wird Situationen geben in denen die Wiederholung einer Klasse für alle Beteiligten das beste ist. Genauso, wie ein Schulwechsel manchmal für alle Beteiligten das Beste sein kann. Es bedarf allerdings eines ausgesprochen guten Fingerspitzengefühls und einer menschlichen, sachlichen und offenen Einschätzung bei der wirklich alle Aspekte berücksichtigt werden bevor eine Entscheidung getroffen wird. Dazu gehören auch mögliche bereits feststehende Planungen von SchülerInnen. Welchen Sinn macht es zum Beispiel einem/r SchülerIn bei einer knappen Entscheidung die Versetzung zu verwehren, wenn bereits feststeht dass die Schule verlassen und eine Lehre begonnen wird – wenn sogar die Lehrstelle bereits feststeht. In diesem Fall reicht wohl auch ein schlechtes Abgangszeugnis, auf welches aller Wahrscheinlichkeit kaum noch jemand schauen wird sobald der junge Erwachsene im Betrieb seines neuen Arbeitgebers integriert ist. Die Selektionsfunktion von Schule ist gesellschaftlich äußerst relevant – aber bitte relevant mit Verstand.

Keinesfalls sollte halbherzig ein Urteil gefällt werden, auch dann und erst recht dann nicht wenn sich schon eine gewisse Versetzungskultur an einer Schule entwickelt hat.

Es bezieht sich die Integrationsfunktion von Schule ursprünglich natürlich hauptsächlich auf die Integration in die Gesellschaft, die auch nicht immer angenehme Wege bereit hält. Im Kontext dieses Artikels rund um den Sinn und Unsinn des Sitzenbleibens halte ich den Bezug zum schulischen sozialen Umfeld aber durchaus für gerechtfertigt.

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