Vielfalt versus Redundanz – Qualitativer Unterricht zwischen Planung und Spontaneität

30 May

Ich arbeite gerne mit schüleraktivierenden Methoden und Methodenvielfalt war/ist für mich immer ein Zeichen guten Unterrichts. Wie so vieles, dass eigentlich sehr gut ist läuft aber auch Methodenvielfalt Gefahr übermäßig gehyped zu werden. Weil ich hier im Blog Unterrichtsideen und damit gekoppelte Methoden darstelle, möchte ich auch einen kritischen Blick auf (zu viel) Abwechslung im Unterricht teilen. Im folgenden Text werden Gedanken zur Sinnhaftigkeit von Methodenvielfalt und Methodenredundanz geschildert.

Wann ist Methodenvielfalt lernhemmend?


Guter Unterricht verlangt differenzierte und wohl überlegte Planung. Darüber besteht wohl kaum ein Zweifel. Die richtige Wahl der Unterrichtsmethode ist bei der Planung sicherlich ein essentieller Baustein in der Unterrichtsgestaltung. In meinem Tun als Lehrer frage ich mich in dieser Hinsicht immer wieder, was denn überhaupt die richtige Unterrichtsmethode ist. Wann sollte der Unterricht für Schüler geöffnet werden und wann ist es sinnvoller den Inhalt in klaren Strukturen Stück für Stück frontal zu präsentieren? Bis wohin kann Unterricht überhaupt geplant werden und wo muss man sich eingestehen, dass guter Unterricht auch eine gute Portion Spontaneität verlangt. Bezüglich der Planung kommt mir immer wieder das Schlagwort “Methodenvielfalt” in den Kopf.
In meiner Praxisreflexion schildere ich an den Beispielen von geplanter Vielfalt und Spontaneität Situationen, die ich hinsichtlich der erzeugten Unterrichtsqualität kritisch betrachte. Zunächst geht es dabei um das viel zitierte Gütekriterium der Methodenvielfalt. In der eigenen Unterrichtsplanung habe ich mich bereits häufig gefragt, wo der Punkt kommt, an dem Schüler durch Methodenvielfalt in die Orientierungslosigkeit gedrängt werden? Bis wohin lassen sich häufig wechselnde Methoden vor dem Hintergrund der gesteigerten Unterrichtsqualität rechtfertigen und wann nimmt diese eher ab?

Für Hilbert Meyer ist Methodenvielfalt eines von zehn Kriterien für guten Unterricht (vgl. Meyer, 2004) und beobachtet man die Antworten von Lehrern, die nach gutem Unterricht gefragt werden, scheint auch hier die Meinung vertreten zu werden das es sich um ein Unterrichtsprinzip handelt, welches man nicht vernachlässigen soll. Wie bei den restlichen Kriterien Meyers’, bedarf es aber einer differenzierten Planung und Überlegungen vor dem Hintergrund des jeweils akuten Lernumfeldes, damit aus dem Prinzip bzw. Kriterium wirklich lernförderlicher Unterricht hervor gehen kann.
Die positive Wirkung von Methodenvielfalt im Unterricht liegt scheinbar auf der Hand. Niemand würde heute noch behaupten, dass jeder Schüler bzw. jeder Mensch ganz gleich lernt oder von denselben Lernstrategien gleichermaßen angesprochen wird und profitiert. Genau wie es eine Vielzahl unterschiedlicher Charaktertypen gibt.
Da gibt es solche die ungemein gerne reden, die Aktiven, die Aufsässigen und sogar die Profilneurotiker, allgemein formuliert: die Extrovertierten. Für diese Sorte von Menschen muss das Lernumfeld geeignete Möglichkeiten bieten sich auszudrücken. Andernfalls kann es sehr schnell passieren, dass sie in die Defensive gedrängt werden und eine Negativhaltung gegenüber dem Unterricht und allem was dazu gehört entwickeln.
Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch die Schüchternen, die Stillen, die Beobachtenden, kurz die Introvertierten, denen zu viel Animation im Unterricht schnell die Freude an der Sache vermiesen kann. Parallel zu der Überlegung, dass unterschiedliche Charaktertypen entsprechend unterschiedliche Ansprachen bevorzugen, lässt sich der Umgang mit verschiedenen Lerntypen beschreiben. Die auditiven, visuellen, kommunikativen und motorischen Lerntypen benötigen entsprechende Herangehensweisen um ihr Potential optimal zu fördern und zu unterstützen. Damit ist Methodenvielfalt nicht nur gerechtfertigt, sondern wird sogleich zur Pflicht eines jeden Lehrers, um allen Lerntypen in einer Klasse gerecht zu werden.
Des Weiteren dient die regelmäßige Abwechslung der Vorbeugung von Eintönigkeit im Klassenzimmer. Aus eigener Erfahrung kann sicher jeder sagen, dass Neues immer ein Stück weit interessanter ist, als bereits häufig Erlebtes bzw. Erfahrenes. Nun könnte man sagen, dass in der Schule ja gelernt werden soll und ergo der Lernstoff in den meisten Fällen eh Neues repräsentiert. In manchen Fächern mag dies sogar der Fall sein, betrachtet man aber beispielsweise Sprachen, stößt man auf Inhalte, die sich zumindest in ihrer Form immer wieder wiederholen. Um bei solchen Wiederholungen die Motivation aufrecht zu erhalten, müssen prinzipiell gleiche Arbeitsschritte geschickt neu verpackt werden. Die unter anderen Umständen negativ konnotierte Redewendung „Alter Wein in neuen Schläuchen“ lässt sich in solchen Szenarien durchaus positiv interpretieren.
Bevor ich im Anschluss meine sowohl positiven als auch negativen Erfahrungen mit Methodenvielfalt an Praxisbeispielen schildere, beende ich das hier angefangene Plädoyer für Methodenvielfalt mit einem Blick auf stoffunabhängige Teillernziele in der Schule.
In der Schule wird bekanntlich Wissen vermittelt. Helmut Fend hat diese Aufgabe nebst anderen in seiner Analyse der Funktionen von Schule aufgegriffen (vgl. Fend, 2006). Dass Methodenvielfalt der Vermittlung von Wissen dienlich ist wurde ja nun bereits geschildert. Aber auch die anderen Funktionen von Schule können durch eine geregelte Varianz im methodischen Vorgehen positiv unterstützt werden. Speziell zu erwähnen ist dabei die Integrationsfunktion. Durch wechselnde Unterrichtsformen werden den Kindern wechselnde Rollen übergeben, die jeweils erprobt und geübt werden können. Im Frontalunterricht werden sie als Zuhörer gefordert während sie in Gruppenarbeiten verschiedene Rollen der sozialen Interaktion übernehmen. So wird eine Varianz der Anforderungen geschaffen, welche die Schüler und Schülerinnen in ungezwungenen Situationen auf die Rollenverteilung und –übernahme innerhalb der Gesellschaft vorbereitet. Ohne Methodenvielfalt würde ihnen diese Lerngelegenheit in ihrem vollen Umfang verloren gehen.
Es spricht also wirklich einiges für Methodenvielfalt im Unterricht. Um wirklich guten Unterricht zu machen, bleibt einem nichts anderes übrig, als H. Meyer recht zu geben und sein Kriterium anzuerkennen. Aus dieser Einsicht heraus die SuS mit einem Regen an verschiedenen Methoden zu überkommen ist jedoch noch lange kein Rezept für gelungenen Unterricht. Vielfalt muss genau überlegt und geplant werden und schließt keinesfalls regelmäßige Wiederholungen aus.

Literatur
1. Fend, H. (2006). Neue Theorie der Schule. Wiesbaden: VS
2. Meyer, H. (2004). Was ist guter Unterricht. Berlin: Cornelsen

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